

Fotos: René Douce, Mauer für Gerechte unter den Völkern, Paris; KZ Eysses
Bildrechte Gedenkstätte Yad Vashem
Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4206 Franzosen. Einer von ihnen ist René Douce.
Ein Kommunist bei der Staatsbahn
René Douce wird am 17. März 1906 im nordfranzösischen Lille geboren. Nach seiner Schulzeit geht er als Arbeiter zur Staatsbahn. 1929 ist er für die Reparatur und Wartung von Lokomotiven und Waggons auf dem weitläufigen Gelände des Bahnhofs Fives am Rand der Innenstadt zuständig. Seine politische Heimat ist die Kommunistische Partei. Als sie nach der Niederlage seines Landes gegen die überlegene deutsche Militärmacht verboten wird, ist sie im Untergrund weiter aktiv. René Douce übernimmt insgeheim eine leitende Funktion. 1941 schließt er sich dem Résistance-Netz Voix du Nord („Stimme des Nordens“) an, dass aus Mitgliedern unterschiedlicher politischer Richtungen besteht. Das ist riskant. Wer bei der Bahn arbeitet, auf den haben die Besatzer ein gesteigertes Augenmerk. Personentransport auf der Schiene ist für sie ein wichtiges Mittel, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Deutsche Reichsbahn bekommt für jeden „Fahrgast“, den sie auch auf dem französischen Schienennetz befördert, den Pro-Kopf-Tarif für Gruppenreisen ohne Rückfahrt vergütet. Ihre überwiegend aus Güterwagen bestehenden Sonderzüge fahren zu Bahnhöfen wie Dachau, Theresienstadt und Auschwitz.
Massenverhaftung am Vorabend von Rosh Hashana
Der 11. September 1942 ist der Vorabend des Jahres 5703 nach dem jüdischen Kalender. Doch die Rosh Hashana-Feier am nächsten Tag fällt für alle Juden aus den Départements Nord und Pas-de-Calais, deren die Gestapo habhaft werden kann, aus. Im gesamten Grenzgebiet zu Belgien und in der vom Bergbau geprägten Nachbarregion, auch ohne richtige Großstadt einer der bevölkerungsreichsten und städtischsten in ganz Frankreich, werden die Mitglieder von 500 bis 600 jüdischen Familien auf einen Schlag in ihren Häusern verhaftet. Die meisten Opfer der Aktion werden zum Bahnhof Lille-Fives transportiert. Über eine Zwischenstation, eine Kaserne im belgischen Mechelen, steht ihnen die Fahrt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen bevor. So hat l es der Militärbefehlshaber für Belgien und Nordfrankreich angeordnet.
Spontane Rettungsaktion
Doch als René Douce und seine Kameraden an diesem Freitagmorgen die ersten deutschen Lastwagen voller Männer, Frauen und Kinder mit dem gelben Stern auf der Kleidung ankommen sehen, entschließen sie sich spontan: Dagegen müssen wir etwas tun. Zwei Dutzend Männer sind es, die nicht zögern, René Douce ist einer ihrer Anführer. Sie allen kennen das Bahngelände wie ihre Westentasche – ein klarer Vorteil gegenüber den deutschen Gestapoleuten und Soldaten, die die Aktion absichern sollen. Die Franzosen bewegen sich unauffällig zwischen den vielen Menschen, nehmen den einen oder anderen Verhafteten beiseite, führen ihn in leerstehende Räume der Gebäude und Lagerhallen, machen an einer Stelle die Zugangstür mit davor gerückten Schränken unsichtbar, sind behutsam aber zielstrebig bemüht, möglichst viele der Todgeweihten vor dem Abtransport zu bewahren.
Flucht aus dem Bahnhofsfenster
Eine der Verhafteten, um die sie sich kümmern, ist Helène Barak, geborene Zupnik. Sie wurde 1927 in Antwerpen als Tochter des aus Polen stammenden Ehepaars Osias und Chana Zupnik geboren. Ihr Bruder Léon ist drei Jahre jünger als sie. Die vier Menschen haben alle Verfolgungen durch die Nationalsozialisten bisher überstanden. Was aus den Ehemännern der beiden Frauen geworden ist, darüber schweigen sich die Quellen aus. Nach einem gescheiterten Versuch, sich 1939 in New York niederzulassen, ist die Familie nach Frankreich zurückgekehrt und lässt sich in der Rue Solférino in Lille nieder, ganz in der Nähe von René Douces Adresse. Léon hat Pech, wird schon im August bei einer Identitätskontrolle festgenommen und entgeht seinem Schicksal nicht. Am 1. September 1942 verlässt sein Transportzug, der siebte in den vergangenen vier Wochen, Mechelen in Richtung Auschwitz. Helène und ihre Mutter werden zehn Tage später verhaftet und in Lille zum Bahnhof gebracht.
60 Menschen vor Auschwitz bewahrt
Einer der spontanen Retter kommt auf die beiden Frauen zu und fordert sie auf, ihm in einen Raum im ersten Stock des Bahnhofsgebäudes zu folgen. Dort warten bereits zehn jüdische Männer und Frauen und ein Baby. Die Menschen 13 bleiben dort den ganzen Tag versteckt. Als am Abend 513 Unglückliche mit dem Transportzug abgefahren sind, werden rund 60 Gerettete von den mutigen Bahnarbeitern in Verstecke in nahegelegenen Häuser geleitet, teilweise in die eigenen ihrer Retter. René Douce besorgt Helène und Chana und falsche Papiere. Sie werden zunächst in einem katholischen Kloster in der Altstadt von Lille versteckt. Douce sorgt auch dafür, dass Chaim Ingwer überlebt. Diesen Juden hat er unter großer persönlicher Gefahr am Bahnhof gerettet, obwohl misstrauische deutsche Wachen alles beobachteten. Chaim Ingwer wird das vier Jahre später nach Kriegsende bezeugen.
Verhaftung Ende 1942
Nach dieser Rettungsaktion beschließen René Douce und fünf Mitstreiter, eines geheimen Komitees zur Hilfe für verfolgte Juden zu gründen. Douce wird ein Jahr später Vorsitzender der Gruppe, die aus drei Eisenbahnern und drei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde von Lille besteht. Ihre Treffen finden im Haus von René Douce in einem Arbeiterviertel nicht weit vom Bahnhof entfernt statt. Das Komitee suchte Unterkünfte als Verstecke für Gerettete, besorgt für sie auch falsche Papiere und Lebensmittelmarken. René Douce unterstützt auch abgeschossene britische Flieger bei der Flucht in Richtung Portugal und Männer, die sich dem Dienst in der deutschen Wehrmacht entzogen haben. Bis zum 5. Dezember 1942 geht alles gut. Am Tag vor dem zweiten Adventssonntag aber kommen die deutschen Militärbehörden ihm auf die Spur. Er wird wegen seiner kommunistischen Aktivitäten, der Gründung der Widerstandsgruppe und des Besitzes illegaler Flugblätter verhaftet.
Gefangenenmeuterei und KZ
Nach einem halben Jahr Gefangenschaft im mehr als 800 Kilometer entfernten Internierungslager Eysses im Südwesten Frankreichs nimmt René Douce dort an einer Gefangenenmeuterei teil, die als „Schlacht von Eysses“ in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eingeht. In diesem Lager sind rund 1200 Widerstandskämpfer und politische Gefangene aus Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Österreich gefangen, die aus vielen Teilen Frankreichs dort hingebracht wurden. Mitte Februar 1944 versuchen die Gefangenen gewaltsam eine Massenflucht und wollen sich dem Widerstand in der Region anschließen. Nach dem Scheitern des Aufstandes lässt die Vichy-Regierung zwölf Häftlinge zum Tode verurteilen und hinrichten. Die übrigen, unter ihnen René Douce, werden als Strafe nach Compiègne und am 20. Juni anschließend in das Konzentrationslager Dachau deportiert. 400 von ihnen werden dort in den kommenden zehn Monaten sterben. Amerikanische Truppen befreien René Douce am 29. April 1945. Er hat überlebt, aber er wird die Erinnerung n die Zeit der Leiden unter dem Nationalsozialismus immer mit sich tragen.
Der Staat versagt die Anerkennung
Nach seiner Heimkehr beantragt René Douce als Mitglied der Résistance eine Deportierten Rente. Während des Verwaltungsverfahren in dieser Angelegenheit sagen die Juden, die er gerettet hat, zu seinen Gunsten aus und danken ihm für seine mutigen Taten Sein Engagement wird weithin anerkannt, vor allem vom Verband der jüdischen Gemeinden Frankreichs und von der Staatsbahn. Aber der Staat bleibt hart. Trotz der Zeugenaussagen und trotz seiner aktiven Beteiligung an der Rettung von Juden wird sein Antrag auf Anerkennung als Deportierter der Résistance vom Veteranenministerium aufgrund seiner kommunistischen Zugehörigkeit abgelehnt. René Douce wird stattdessen als politischer Deportierter eingestuft und erhält nie nationale Anerkennung für seine Rolle in der Résistance. Nachdem er 15 Jahre im Kreise seiner Familie verbracht hat, stirbt er am 16. Februar 1960. Heute ruht der Widerstandskämpfer auf dem Friedhof Lille Sud.
2022 verleiht Yad Vashem René Douce den Titel „Gerechter unter den Völkern“. Seine Enkelinnen nehmen die Medaille am 16. März 2023, einen Tag nach dem Datum seines Geburtstages, in der Präfektur in Lille entgegen.
Bildtexte:
doucerene: René Douce. Foto: https://www.yadvashem.org
doucemauer: Auf der Mauer der Gerechten in Paris sind die Namen aller von Yad Vashem geehrten Franzosen verzeichnet. Originalfoto: jcw Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported Licence
douceeysses: Im Internierungslager Eysses nahm René Douce an einem gescheiterten Massenausbruch teil. Deshalb wurde er nach Dachau deportiert. Originalfoto: Ray Delvert, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.
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Text von Klemens Hogen Ostlender:
Ein empfehlenswerter Film über den seligen Pfarrer Otto Neururer, der Häftling im KZ Dachau war, aber danach im KZ Buchenwald ermordet wurde,
wird auf K-TV, Katholisches Fernsehen gezeigt in seiner Reihe mit Filmen von Herrmann Weiskopf am
mit dem Schauspieler Ottfried Fischer
Jahrzehnte nach dem den Märtyrertod im KZ begibt sich der gealterte Schauspieler Heinz Fitz mit einer jugendlichen Straftäterin und einem an Parkinson erkrankten Pfarrer (Ottfried Fischer) auf die Spur des seligen Otto Neururer…
und am
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