

Bild: Bischof Gabriel Piguet. Foto: Unbekannt
Bischof Gabriel Emmanuel Joseph Piguet- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4206 Franzosen. Einer von Ihnen ist Gabriel Emmanuel Joseph Piguet.
Der Weg zum Bischofsamt
Am 24. Februar 1887, einen Tag nach Aschermittwoch, erblickte er im ostfranzösischen Mâcon das Licht der Welt. Er studierte nach dem Schulbesuch Theologie und Philosophie und empfing am 2. Juli 1910 die Priesterweihe. Nach einem Doktoratsstudium in Rom wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. Sein erster Dienstort als Vikar war ebenfalls in Ostfrankreich die Kathedrale von Autun. Nach dem Kriegsausbruch 1914 wurde der 27jährige Piguet Sanitäter der französischen Truppen, an der Front südlich von Verdun schwer verwundet und 1917 mit militärischen Ehrungen ausgemustert. Gabriel Piguet nahm danach seinen Dienst an der Kathedrale von Autun wieder auf. Er engagierte sich für die Katholische Aktion und die Jugendbewegung. 1929 wurde er zum Generalvikar des Bistums Clermont [seit 2002 Erzbistum] berufen. Papst Pius XI. ernannte ihn schließlich 1933 zum Bischof von Clermont.
„Sanfter Widerstand“
Gabriel Piguet war Mitglied der Legion der alten Kämpfer des Ersten Weltkrieges um Marschall Philippe Pétain und nahm im Bischofsornat an den Gedenkfeiern der Organisation teil. Er war 1940 auch der erste Bischof, der Pétain als französischen Regierungschef empfing, nach dem der Marschall Chef der deutschfreundlichen Regierung des Vichy-Regimes wurde. Der ebenfalls später in Dachau inhaftierte Edmond Michelet, der nach dem Krieg Minister in französischen Regierungen war, erklärte das rückblickend so: „Er stellte sich solchen Zeremonien zur Verfügung, damit er im Geheimen seinen ,sanften Widerstand´ ausüben konnte. Der Klerus insgesamt sang nirgendwo ein Loblied auf die Kollaboration, die Zusammenarbeit mit den Deutschen. Man hätte Monsignore Piguet sehr in Erstaunen gesetzt, wenn man ihn als Widerstandskämpfer betrachtet hätte. Und doch war er es auf seine Weise“.
Verhaftung in der Kathedrale
Der Bischof sei ein Anhänger von Vichy gewesen, „aber Vichy durfte von ihm nichts Unmögliches verlangen, zum Beispiel, dass er seine Hilfe einem Juden verweigerte oder einem politisch Verfolgten, den die Polizei suchte, die Aufnahme“, so Michelet. Gabriel Piguet kritisierte den französischen Widerstand, weil der im Kampf gegen die Besatzer Gewalt anwendete. Aber er schützte Juden und Partisanen, die von der Gestapo verfolgt wurden, und ließ in seinem Sprengel zahlreiche jüdische Kinder in katholischen Einrichtungen verstecken. Am Pfingstsonntag, dem 28. Mai 1944, wurde der Bischof nach dem Gottesdienst noch in der Kathedrale von Hugo Geissler, dem Chef der Gestapo in Vichy, festgenommen. Nach einem Gefängnisaufenthalt kam er als Angehöriger der Résistance am 20. August in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass und wurde am am 6. September 1944 ohne Gerichtsverfahren ins KZ Dachau eingeliefert.
Im Konzentrationslager als Bischof nicht erkannt
Transporte in Konzentrationslager wie der, mit dem Gabriel Piguet kam, waren durchaus lebensgefährlich. Wenige Wochen zuvor waren von 2000 Gefangenen, die aus Compiegne nach Dachau geschickt wurden, bei der Ankunft 900 tot, erstickt mangels Sauerstoffs in den Güterwaggons oder umgekommen in drückender Sommerhitze. Die SS-Wachen behandelten Piguet als Priester mit „besonderer Aufmerksamkeit“. Es setzte Faustschläge und wiederholte Ohrfeigen. Auch Essen besonders schlechter Qualität wurde extra für ihn ausgesucht. Der Bischof sah im KZ auch einen seiner Vikare aus Clermont wieder, Abbé Clement Cotte, der schon seit Juli im Lager war. Cotte war mit falschen Papieren ausgestattet als Untergrundpriester freiwillig nach Deutschland gegangen, um junge Zwangsarbeiter dort nicht ohne geistlichen Beistand zu lassen. Die Gestapo hatte ihn erwischt. Als Bischof identifiziert wurde Gabriel Piguet in Dachau jedoch vorerst nicht. Das sollte sich für einen dort inhaftierten Diakon noch als wichtig erweisen. Piguet kam als „gewöhnlicher“ Priester nicht zu den „Prominenten“ Häftlingen, sondern zunächst in das Krankenrevier, da er bei seiner Ankunft nach einem Vierteljahr in Haft bereits sehr geschwächt war. Nach drei Wochen wurde er dem Block 28 zugeteilt, in dem die Geistlichen des Priesterblocks, die nicht aus Osteuropa stammten, untergebracht waren.
Priesterweihe im KZ
Piguet war der einzige französische Bischof, der von den Nationalsozialisten aus Frankreich deportiert wurde. Gleich nach seiner Ankunft dachte man an im Priesterblock an die Möglichkeit einer Priesterweihe für den schwerkranken Diakon Karl Leisner. Eine kleine Gruppe der Häftlinge suchte den Bischof auf. Der erklärte sich bereit, vorausgesetzt Leisners Heimatbischof von Galen aus Münster und der Münchener Kardinal Faulhaber seien einverstanden. Als deren Zustimmung eingeholt war, freute sich der belgische Jesuit Léon de Coninck: „Die Weihe eines Priesters in diesem Lager, das der Vernichtung von Priestern dient, wäre eine Vergeltung Gottes und ein Siegeszeichen des Priestertums über das Nazitum.“ Die Weihe wurde auf den dritten Adventssonntag Gaudete („Freuet euch“), den 17. Dezember, gelegt. Trotz des Verbots, die Krankenstation zu verlassen, war Karl Leisner zur verabredeten Zeit nach dem Morgenappell in der Kapelle des Blocks. An der Weihezeremonie nahmen gefangene Priester aus der Diözese Münster und alle inhaftierten Seminaristen teil. Auch zahlreiche Priester als Vertreter der Gruppen verschiedener Nationen und ein evangelischer Pfarrer, der die Zeremonie sehen wollte, waren zugegen. Kein noch so geringer vorgesehener Ritus wurde ausgelassen. Die Andacht, die Inbrunst und die Ergriffenheit waren bei allen auf ihrem Höhepunkt.
Einzigartig in der Geschichte
Dem Bischof erschien es, „als wäre ich in meiner Kathedrale oder in der Kapelle meines Priesterseminars. Nichts, absolut nichts an religiöser Größe fehlte dieser Priesterweihe, die wahrscheinlich einzigartig in den Annalen der Geschichte ist“. Gabriel Piguet erinnerte sich später an den Moment nach der heiligen Handlung: „Nach dieser großartigen Feier musste ich mich einige Augenblicke entspannen, ich war am Ende meiner Kräfte. Im Block der Priester erreichten die Freude und die Dankbarkeit zu Gott ihren Höhepunkt im höchsten Grade. Genau dort, wo das Priestertum gedemütigt worden war und wo es ausgelöscht werden sollte, war die göttliche Vergeltung deutlich sichtbar geworden. Ein Priester mehr war zum Priesterstand Christi geboren worden. War dies nicht das Vorzeichen eines Zusammenbruchs, den wir nahe vermuteten und erwarteten? Schien die Anwesenheit eines Bischofs, die für die gefangenen Priester so tröstlich war, dort nicht wie eine göttliche Bestätigung ihres Wertes und ihrer Zweckmäßigkeit inmitten so vieler Prüfungen?“
„Als „Sonderhäftling“ befreit
Am 22. Januar 1945 wurde Gabriel Piguet als „Sonderhäftling“ in den sogenannten Bunker des Konzentrationslagers verlegt. Mit anderen „Prominenten“ wie Martin Niemöller, Franz Xaver von Bourbon-Parma und Peter Churchill wurde der Bischof dann als Geisel der SS für mögliche Verhandlungen mit den Alliierten genommen und am 24. April 1945 unter abenteuerlichen Umständen mit 136 Mithäftlingen nach Südtirol verschleppt.In einem verlassenen Hotel am Pragser Wildsee im Pragser Tal waren sie zwar noch nicht befreit, aber außer direkter Gefahr. Am 4. Mai 1945 wurden alle durch amerikanische Truppen endgültig gerettet, nachdem die deutschen Bewacher, SS und Wehrmacht, ohne jegliches Blutvergießen entwaffnet worden waren. Erst sechs Jahre später kam eine von Gabriels Rettungsaktionen während des Krieges ans Licht der Öffentlichkeit: Er hatte für zahlreiche jüdische Familien gefälschte rückdatierte Taufbescheinigungen ausgestellt.
Als Bischof bestätigt
Am 14. Mai 1945 kehrte Gabriel Piguet nach Clermont-Ferrand zurück, wo er von der Bevölkerung triumphierend begrüßt wurde. Er war durch die Haftbedingungen in zwei Konzentrationslagern gesundheitlich schwer angeschlagen und hatte 35 Kilogramm abgenommen. Noch im Oktober unternahm er trotzdem eine Reise nach Rom, um Papst Pius XII. zu treffen, wohl weil er hoffte, zum Kardinal erhoben zu werden. Doch das Innenministerium in Paris hatte ihn auf die Liste der Bischöfe gesetzt, die Vichy unterstützt hatten. Der apostolische Nuntius, Angelo Roncalli (der spätere Papst Johannes der XXIII.) bestätigte Piguet trotzdem als Bischof von Clermont. Über seine Zeit in den Lagern schrieb Piguet später das Buch „Gefängnis und Deportation“, für das er 1949 den Louis-Paul-Miller-Preis der Académie Française erhielt. Der Kanoniker und Kanzler des Bistums Henri Jausions wies damals darauf hin, dass Gabriel Piguet schon 1940 die Oberen aller Ordenskongregationen der Diözese, die Schulen unterhielten, aufgefordert hatte, jüdische Kinder zu verstecken. Durch sein Eingreifen seien außerdem drei jüdische Familien, Mina und Henri Berkowitz, Léon Riveline und seine Frau Esther Pertchuck sowie die Brüder Joseph und Maurice X in religiösen Einrichtungen der Diözese versteckt worden.
„Er entschied sich für das Gute“
Eine Zeitzeugin berichtete außerdem: „Ich werde mich immer an das erinnern, was der Bischof den Schwestern des Pensionats Sainte Marguérite der Kongregation der Schwestern Saint-Joseph in Clermont-Ferrand gesagt hat: ,Sie können diese Kinder nicht nur verstecken, sondern Sie müssen es´. Die jüdische Gemeinde in Clermont-Ferrand unterstützte Bischof Gabriel Piguet ebenfalls aktiv. Im September 1951 erstellte man im Bischofshaus eine Liste der geretteten Kinder, die sich heute im Diözesanarchiv des Bistums befindet. Gabriel Piguet blieb bis zu seinem Tod am 3. Juli 1952 Bischof von Clermont. Am 22. Juni 2001 verlieh das Yad Vashem-Komitee ihm gemeinsam mit Schwester Angélique Murat, Mutter Oberin der Kongregation der Schwestern Saint-Joseph posthum für die Rettung zahlreicher Juden den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“. Der israelische Botschafter in Frankreich, Elie Barnavi, sagte bei dieser Gelegenheit: zum Vorwurf, der Bischof sei ein Anhänger Pétains gewesen: „Na und? Niemand kann mich der Sympathie für den Pétainismus verdächtigen, aber ich würde heute sagen, dass es gerade sein Pétainismus ist, der die Taten von Monsignore Piguet noch bemerkenswerter macht. Angesichts des Bösen entschied er sich für das Gute.“ Richard Prasquier, der spätere Präsident des Zentralrates der Jüdischen Institutionen in Frankreich, hob hervor: „Er verweigerte Cäsar den Gehorsam, als er verstand, dass der Gehorsam gegenüber Cäsar ihn daran hinderte, Gott zu gehorchen“.
Marschall Philippe Pétain wurde nach dem Krieg wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, wegen seiner Rettung der Stadt Verdun im Ersten Weltkrieg vor der Eroberung durch die Deutschen aber zu lebenslanger Haft begnadigt und starb 1951.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bildtexte: Das Tor des KZ Groß-Rosen von der Lagerseite her. Foto: Jaques Lahitte CC-AS 3.0; Diese Grafik zeigt das nationalsozialistische Terrorsystem im Osten Europas. Tadeusz Kosibowicz war dort in den Konzentrationslagern Majdanek und Groß-Rosen inhaftiert. Totenkopfsymbole markieren den Standort von Vernichtungslagern, kleine schwarze Quadrate andere große Konzentrationslager, Davidssterne die wichtigsten Städte mit Ghettos. Grafik: Public Domain; Dr. Tadeusz Kosibovicz. Foto: Yad Vashem; Das Personal des Krankenhauses von Bedzin vor dem Krieg mit Dr. Tadeusz Kosibowicz vorn in der Mitte. Foto: Yad Vashem
Dr. Tadeusz Kosibowicz - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 7.318 aus Frankreich. Einer von ihnen ist Dr. Tadeusz Kosibowicz.
Ein polnischer Patriot aus Österreich
Tadeusz Kosibowicz wurde am 30. November 1893 in Neu Sandez in einer armen Familie geboren. Die Stadt gehörte zum österreichischen Kronland Galizien. Polen gab es seit 98 Jahren nicht mehr, weil Russland, Preußen und Österreich es unter sich aufgeteilt hatten. Seit 1918, als die zweite Polnische Republik entstand, ist der Städtename Nowy Sacz und die Region die Woiwodshaft Malopolskie (Kleinpolen). Der Vater des Jungen, Franciszek, war Postbeamter, seine Mutter hieß Agnieszka Miczulska. Tadeusz studierte nach dem Schulbesuch Medizin an der Jagiellonen-Universität in Krakau, bis der Erste Weltkrieg ihn zu einer Unterbrechung zwang. Er diente als Sanitäter an der Front und wurde dafür am 28. April 1916 mit dem Rotkreuz-Orden mit Kriegsauszeichnung geehrt. Nach dem Abschluss des Studiums, seiner Zulassung als Arzt und der Promotion nahm Dr. Tadeusz Kosibowicz 1921 eine Stelle im Regionalkrankenhauses in Bedzin an, einer Stadt nicht weit vom Ort seiner Geburt. Zwei Jahre lang war er stellvertretender Leiter der chirurgischen Abteilung und erweiterte und modernisierte das Labor der Klinik. Während des zweiten Schlesischen Aufstands koordinierte er die Verteilung von Verwundeten auf die dafür bereitgestellten Krankenhäuser. Als Mitglied der Ärztekammer wirkte er außerdem bei der Eröffnung eines Gesundheitszentrums in der der Stadt mit.
Beginn von Krieg und Judenverfolgung
1918 hatte Tadeusz Kosibowicz Maria Urbanska geheiratet und war mit ihr im selben Jahr nach Bedzin gezogen. 1922 starb Otto, der zweijährige Sohn des Ehepaaars, an der Ruhr. Ein Jahr später wurde die Tochter Zofia geboren. In den 1930er Jahren kaufte die Familie Kosibowicz eine Villa in Jaworze, rund 60 Kilometer südlich von Bedzin. Dort verbrachten sie jede freie Minute zu dritt. Als sie von einem Urlaub im August 1939 nach Bedzin zurückkehrten, war noch etwas Zeit bis zum Beginn des neuen Schuljahres. Die Eltern schickten das Mädchen deshalb zu Verwandten nach Warschau. Die flohen nach dem Beginn des Krieges mitsamt Zofia nach Rumänien. Erst im März 1940 kehrte das Mädchen deshalb zu ihren Eltern zurück. Tadeusz Kosibowicz war 46 Jahre alt, als die Deutsche Wehrmacht am 1. September sein Heimatland überfiel. In den ersten Tagen des kurzen Krieges wurde das Bedziner Krankenhaus mit Verwundeten überflutet. Unter ihnen war auch ein jüdischer Soldat namens Marian Skrzypek, von dem Tadeusz Kosibowicz wusste, dass er eine lange Genesungszeit benötigen würde. Bereits am 4. September wurde Bedzin jedoch von den Deutschen besetzt, und jede Hilfe für Juden war ab sofort ein großes Verbrechen. Der pflichtbewusste Arzt beschloss trotzdem, den Namen des Patienten in Krawczyk zu ändern und ihm eine fiktive Arbeit im Krankenhaus zu geben, um ihn länger dort behalten zu können.
Mutige Hilfe für verwundete jüdische Soldaten
Zusammen mit den vielen Verwundeten strömten Ärzte und Pflegekräfte ins Krankenhaus, darunter Dr. Ryszard Nyca und Schwester Rufina Swirska, die zu Kosibowicz' Vertrauten bei seinen illegalen Versuchen wurden, so viele „verbotene” Patienten wie möglich zu retten. Im Keller des Krankenhauses sowie in ungenutzten Räumen richteten sie Verstecke ein. Während der Chefarzt die medizinische Tarnung und die offizielle Verantwortung übernahm, war Ryszard Nyca oft für die praktischen Aspekte zuständig. Er besorgte Lebensmittel, schmuggelte Medikamente ins Ghetto, das die Deutschen in der Stadt eingerichtet hatten und half dabei, Menschen aus der Gefahrenzone in das Krankenhaus zu schleusen. Eines Tages setzten die Deutschen die örtliche Synagoge in Brand, als sie voller Juden war. Jeder, der zu fliehen versuchte, wurde mit Maschinengewehrsalven niedergemacht. Dennoch gelang es einigen, lebend zu entkommen. Unter ihnen war Icchak Turner, der die Nacht im Freien verbrachte, sich aber am Morgen doch entschloss, wegen seiner Verletzungen im Krankenhaus Hilfe zu suchen. Die Türen waren von den Deutschen blockiert, aber Kosibowicz gelang es mit Hilfe eines örtlichen Priesters namens Mieczyslaw Zawadzki, dem Vikar der Dreifaltigkeitskirche in Bedzin, einige der verwundeten Juden hineinzuschmuggeln, darunter Icchak Turner und einen weiteren Mann namens Abraham Huberfeld, dessen Schwester Sala viele Jahre später aus Israel über Kosibowicz´ mutigen Beweis menschlicher Güte berichtete. Im August 1940 wurde eine junge Frau ins Krankenhaus eingeliefert. Sie klagte über gynäkologische Beschwerden, doch Dr. Kosibowicz konnte die Ursache nicht feststellen. Die Patientin interessierte sich besonders für Marian „Krawczyk“ der nun Hausmeister der Klinik war, besuchte ihn mit einer Flasche Wein und beklagte sich bei ihm, dass sie zwar Geburtstag, aber niemanden zum Anstoßen habe.
„Begnadigung“ vor dem Exekutionskommando
Der Hausmeister erzählt ihr von seinem Leben, gestand, dass er Offizier sei und den Aufständischen angehöre. Nachdem sie gegangen war, eilte die Frau zum nächsten Telefon und sprach zwei Sätze in den Hörer: „Mama, komm sofort. Mir geht es schlecht und ich habe Hunger.“ Es war der vereinbarte Code der deutschen Spionin dafür, dass sie einen untergetauchten Juden entdeckt hatte. Noch in der folgenden Nacht wurde Marian „Krawczyk” abgeführt und ermordet. Dr. Kosibowicz befürchtete, nun ebenfalls verhaftet zu werden, ging aber aus Pflichtgefühl dennoch am nächsten Morgen wieder ins Krankenhaus. Er blieb an diesem Tag noch in Freiheit. Zurück zuhause zeigt er abends seiner Frau eine offene Schreibtischschublade und sagte ihr „Schau, Marysia, ich lege meine Uhr hier hin. Falls etwas passiert, versuch sie zu verkaufen. Hier ist ein Umschlag mit Geld. Ich glaube nicht, dass wir uns wiedersehen werden. Gib Zofia einen Kuss. “Am nächsten morgen früh um 5 holten drei Gestapo-Beamte ihn ab. Auch Dr. Nyca und Rufina Swirska wurden verhaftet. Die Gestapo verurteilte alle drei wegen „Beihilfe für Feinde des Dritten Reiches und Juden“ zum Tod durch Erschießen. Sie standen schon vor dem Hinrichtungskommando, da wurden sie im letzten Moment zur Deportation in ein Konzentrationslager „begnadigt“.
Vier Jahre in Konzentrationslagern
Als Maria Kosibowicza erfuhr, dass ihr Mann deportiert worden war, zog sie mit ihrer Tochter zunächst in eine andere Wohnung. Sie wusste, dass sie als Ehefrau eines „Feindes des Dritten Reiches“ die Nächste auf der Liste sein könnte. Ihre Ahnung bestätigte sich. Die Gestapo begann, sie zu beobachten. Maria zog deshalb mit ihrer Tochter nach Krakau. Beide blieben dort von der Gestapo unbehelligt, bis die Rote Armee die Stadt am 19. Januar 1945 erreichte und kehrten dann nach Bedzin zurück, das aber nicht mehr seinem Vorkriegszustand glich. Die Juden waren verschwunden, Geschäfte geschlossen, es gab keine vertrauten Kaufleute, Anwälte oder Händler mehr. Ihr Mann Tadeusz Kosibowicz erlebte zwischen 1941 und 1945 vier Jahre in Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nach seiner Verhaftung und ersten Verhören wurde er in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort kam er am 26. Mai 1940 an. Nach gut drei Monaten bereits wurde er am 30. August ins KZ Sachsenhausen in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin überstellt. Im KZ Majdanek im deutsch besetzten Generalgouvernement (heute östliches Polen), das die SS offiziell „KL Lublin“ nannte, setzte er ab 1942 seine Tätigkeit als Arzt fort und half Mitgefangenen unter den katastrophalen hygienischen Bedingungen des Lagers. In diesem Jahr war der Distrikt Lublin das Zentrum der sogenannten „Aktion Reinhardt“, der systematischen Ermordung der Juden im Generalgouvernement.
Sieben Tage im überfüllten Güterzug
Am 1. April 1944 transportierte die SS ihn mit zahlreichen Kameraden im Zuge der Evakuierung von Majdanek aufgrund der näher rückenden Roten Armee ins niederschlesische KZ Groß-Rosen, das auf deutschem Reichsgebiet lag. Die Häftlinge wurden in völlig überfüllte Güter- beziehungsweise Viehwaggons gepfercht. Die hygienischen Bedingungen waren menschenunwürdig, da es kaum Wasser oder Nahrung gab. Der Zug legte im Schneckentempo eine Strecke von etwa 500 bis 600 Kilometern zurück. Er fuhr aus dem Distrikt Lublin im Generalgouvernement Richtung Westen, passierte Krakau und überquerte schließlich die Grenze zum Deutschen Reich. Nach einer qualvollen, siebentägigen Fahrt erreichte der Transport am 8. April 1944, dem Karsamstag, den Bahnhof von Jauer (Jawor), von wo aus die Häftlinge in das etwa zehn Kilometer entfernte Stammlager Groß-Rosen marschieren mussten. Das Dorf, nach dem es benannt wurde, heißt heute Rogoznica und liegt in Polen.
Dieses KZ war berüchtigt für die extrem harten Arbeitsbedingungen im dortigen Granitsteinbruch, in dem die Häftlinge oft bis zur Erschöpfung angetrieben wurden. Auch aus Groß-Rosen wird berichtet, dass Tadeusz Kosibowicz jüdischen Mithäftlingen medizinische Hilfe leistete. Eines Tages wurde ein verwundeter jüdischer Patient aus Bedzin namens Zvi Landau zu ihm gebracht. Er erzählte dem Arzt, er habe gehört, dass ein Jahr nach dessen Deportation ein Paket mit Asche an seine Frau mit der Behauptung geschickt worden war, es handele sich um die Überreste ihres Mannes. Nach dieser Nachricht brach Kosibowicz in Tränen aus und versprach, dass er Landau zwar nicht in seinem Verantwortungsbereich unterbringen könne, aber er werde ihm Lebensmittel schicken. Der Arzt hielt sein Versprechen, bis Zvi Landau in ein anderes Lager verlegt wurde.
Von der Roten Armee befreit
Am 13. Februar 1945 wurde Tadeusz Kosibowicz mit den anderen Häftlingen in Groß-Rosen von der Roten Armee befreit. Er kehrte körperlich und seelisch erschöpft nach Bedzin zurück. Er hatte jahrelang unter immenser persönlicher Demütigung und Schmerzen gelitten und war Zeuge des Todes und Leidens unzähliger Menschen geworden. Dennoch hatte er nie seine Menschlichkeit verloren und kümmerte sich während des gesamten Krieges um Leidende. Zeugen schrieben später, dass er sich schon am Tag nach seiner Heimkehr im Krankenhaus meldete. Er übernahm dort wieder die Leitung. Zuhause sprach er nicht über seine Erlebnisse. Maria merkte nur, dass er sehr auf gutes Essen achtete. Nicht einmal ein Krümel Brot durfte verschwendet werden. Der Krieg war vorbei; sie mussten irgendwie weiterleben. Zofia heiratete später und hieß nun Zofia Rydel. Sie war mit Jan verheiratet, der ebenfalls Arzt war. Sie hatten sich während der Besatzungszeit in Krakau kennengelernt. 1950 bekamen die Rydels eine Tochter, Elzbieta. Opa Tadeusz war hocherfreut über seine Enkelin. Die neuen politischen Verhältnisse gefielen ihm dagegen nicht besonders. Die Behörden legten ihm nahe, der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei beizutreten. Kosibowicz weigerte sich. „Nur mein Glaube hat mir geholfen, die Lager zu überleben“, erklärt er.
Ein Baum wird in Jerusalem gepflanzt
Er protestierte, als er hörte, dass die Krankenhauskapelle geschlossen werden sollte. Daraufhin wurde er entlassen. Der passionierte Mediziner arbeitete nun als Hals-Nasen-Ohren-Arzt in einer anderen Klinik und behandelte hauptsächlich Kinder. Jeden Tag kaufte er Süßigkeiten für seine kleinen Patienten, ehe er zur Arbeit kam. 1968 starb Maria Kosibowicza und wurde im Sommerferienort der Familie in Jaworze begraben. Dr. Tadeusz Kosibovicz´ Leben endete am 6. Juli 1971 in Kattowitz durch einen Herzinfarkt. Das Familiengrab in Jaworze wurde auch seine letzte Ruhestätte. Der polnische Autor und Kulturträger Roman Szenk hat das Schicksal von Tadeusz Kosibowicz in seinem Buch Rewiry Hipokratesa (Hippokrates' Spuren) beschrieben, das er dessen Tochter Zofia Rydel widmete. Tadeusz Kosibowicz erlebte die Veröffentlichung nicht mehr. Am 20. März 2006 erkannte Yad Vashem ihn als Gerechten unter den Völkern an. Im Garten der Gerechten wurde ein Baum für ihn gepflanzt. Seit 2008 erinnert eine Gedenktafel am Bezirksgesundheitszentrum von Bedzin, seinem ehemaligen Krankenhaus, an Dr. Tadeusz Kosibowicz.
Ehrung auch für Pater Zawadzki
Pater Mieczysław Zawadzki wurde bereits 1962 von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. Als die Deutschen die Große Synagoge von Bedzin in Brand stecken, hatte er die Tore des Kirchengeländes geöffnet und damit zahlreiche flüchtende Juden vor den Flammen und den Schüssen ihrer Verfolger gerettet. Er versteckte sie in der Kirche und im Pfarrhaus. Im späteren Verlauf des Krieges verbarg er in Vilnius zusammen mit seiner Mutter Jozefa mindestens 18 Juden in einem geheimen Raum unter seinem Haus und ermöglichte ihnen so das Überleben. Mieczysław Zawadzki starb im hohen Alter am 20. August 1993. Viele der von ihm Geretteten blieben ihm und seiner Mutter zeitlebens tief verbunden und sorgten dafür, dass seine Geschichte dokumentiert wurde.
Quellen:
Searching Dachau Concentration Camp Records in One Step
https://en.wikipedia.org/wiki/Rescue_of_Jews_by_Poles_during_the_Holocaust
https://sprawiedliwi.org.pl/en/stories-of-rescue/story-rescue-kosibowicz-tadeusz
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
