

Fotos: Eine Straße im Dorf Illats in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Public Domain; Beispielurkunde von Yad Vashem zur Ehrung eines Gerechten unter den Völkern. Foto: Claude Truong-Ngoc CC-AS 3.0
René Louis Tauzin – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Einer von ihnen ist René Louis Tauzin.
Die Niederlage Frankreichs
An René Tauzins 20. Geburtstag, dem 4. Juni 1940, war Frankreich seit fast vier Wochen im Krieg. Die deutsche Wehrmacht hatte das Land ebenso wie Belgien, Luxemburg und die Niederlande am 10. Mai 1940 angegriffen. Am 4. Juni endete die Schlacht um Dünkirchen. Die Niederlage war besiegelt, doch General de Gaulle rief dazu auf, nicht zu verzweifeln: „Was auch immer geschieht, die Flamme des französischen Widerstands darf nicht erlöschen und wird nicht erlöschen“. Die Arbeit auf dem auf Forstwirtschaft ausgerichteten Hof der Familie wird René und seine Eltern, Jean und Marie, in ihrem 1000-Einwohner-Dorf Illats im Südwesten des Landes auch am Tag solch historischer Ereignisse beschäftigt haben. Der Ort kam nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Anfang an in den Teil Frankreichs, der von den Deutschen besetzt wurde, nicht in die bis 1942 so genannte „vom Vichy-Regime verwaltete „freie Zone“.
René lernt René kennen
Ein paar Monate später, im Herbst desselben Jahres, bemerkte René einen ihm unbekannten Jungen im Ort. Er sprach ihn an und erfuhr, dass es sich um den 14-jährigen René Jacob handelte, den Sohn einer jüdischen Familie. Er war mit seinen Eltern nach Illats geflohen, nachdem die Deutschen ihre an der Mosel gelegene Heimatregion mit nicht nur mit Krieg überzogen, sondern auch annektiert hatten. 1871 war sie das erste Mal von Frankreich nach Deutschland gewechselt. 1918 hatten die Franzosen sie sich nach dem gewonnenen Krieg zurückgeholt. Nun verleibten die Nationalsozialisten sie sich wieder ein. René Jakob und sein Vater Jules verdingten sich viele hundert Kilometer von zuhause entfernt als Bauarbeiter, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach dem Krieg berichtete der Franzose: „Er war vierzehn und ich zwanzig, aber wir waren wie Brüder. Ich wusste, welchen Gefahren er als Jude ausgesetzt war. Deshalb kam er jeden Abend nach der Arbeit zu mir. Wir hörten Radio London, und ich fragte ihn immer, auf welcher Baustelle er am nächsten Tag arbeiten würde“. Das Hören des Auslandssenders war nicht der einzige „Fehltritt“ der Tauzíns. Sie ließen sich auch von der intensiven Überwachung durch deutsche Militärpatrouillen und die Gestapo nicht davon abhalten, in den Widerstand zu gehen. Sie stellten Jacob und seinen Vater als Holzfäller ein. „Nebenbei“ halfen René und Jean Tauzin oft Verfolgten dabei, die nahegelegene Demarkationslinie zu überqueren, um in die (vermeintlich) sicherere freie Zone zu gelangen.
Versteck im Taubenschlag
Trotz aller Vorsicht im gefährlichen Alltag im Untergrund wurde Jules Jacob 1942 von der französischen Gendarmerie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Wahrscheinlich hatte ein Denunziant ihn verraten, wie es in jenen Tagen oft geschah. René Tauzins Freundschaft zu seinem jungen Schützling, der unbehelligt blieb, vertiefte sich. Als Gendarmen im November 1943 auch René Jakob suchten, versteckte René Tauzin den Freund in einem alten Taubenschlag im Wald, versorgte ihn eine Woche lang mit Essen und schlief mit einer Pistole bewaffnet zum Schutz ebenfalls in dem Unterschlupf. Es gelang ihm, für René Jacob einen gefälschten Ausweis zu beschaffen, mit dem der Flüchtling die nur und zehn Kilometer entfernte Demarkationslinie überqueren konnte. Seit November 1942 war zwar ganz Frankreich besetzt. Doch die Deutschen behielten die Demarkationslinie als interne Grenze für den Waren- und Personenverkehr bei. Franzosen benötigten weiterhin spezielle Ausweise, um sie zu überqueren. René Jacob verbrachte die Zeit bis zum Kriegsende in Frankreich in ständiger Bewegung und unter allgegenwärtiger Gefahr, entdeckt zu werden. Er schloss sich der Widerstandsgruppe Francs-tireurs et partisans français (Französische Freischärler und Partisanen) an, dem bewaffneten Arm einer kommunistischen Untergrundorganisation und nahm an zahlreichen Gefechten gegen die Deutschen, Fallschirmsprüngen und Waffenlieferungen teil.
Vater und Sohn in Dachau
Im Mai 1944 kamen die Deutschen René Tauzin und seinen Eltern auf die Spur, wohl wieder, weil jemand sie verraten hatte. Zunächst wurde die Familie in das Lager Fort du Hâ in Bordeaux gebracht, das als Sammelstelle für Gefangene in der Region diente. Marie Tauzin kam von dort in das Frauen-KZ Ravensbrück nördlich von Berlin. Sie starb dort noch vor der Jahreswende. Die genauen Umstände ihres Todes, ob durch Entkräftung, Krankheit oder direkte Gewaltanwendung, sind nicht überliefert. René Tauzin und sein Vater Jean wurden ins KZ Dachau deportiert, möglicherweise über das Durchgangslager Compiegne-Royallieu, wie viele Widerstandskämpfer aus Frankreich. Beide erreichten am 7. Juli 1944 nach mehrtägigem Bahntransport Dachau. Der Sohn erhielt die Häftlingsnummer 78383, der Vater die 78382. Der 55-jährige Jean Tauzin starb nach gut drei Monaten, am 21. Oktober 1944, an den Folgen der Haftbedingungen im überfüllten Lager unter hygienisch unhaltbaren Umständen. Der Sohn erlebte die Befreiung am 29. April 1945 und kehrte nach Hause zurück.
Späte Ehrung
Dort erfuhr er, dass seine Mutter ums Leben gekommen war und dass auch die Mutter seines Freundes zusammen mit drei weiteren Familienmitgliedern nach Auschwitz deportiert wurde. Nur Jules Jacob überlebte das Vernichtungslager und zehn weitere Lager, durch die sein Weg ihn seit 1942 geführt hatte. Sein Sohn schilderte seinen Eindruck vom typhuskranken Vater beim Wiedersehen so: „Er sah aus wie ein Stück Holz, umwickelt mit etwas Plastik.“ Jules Jakob kam aber langsam wieder zu Kräften kam und wurde 84 Jahre alt. René Jacob blieb René Tauzins bester Freund. René Tauzin, der sein Leben riskierte, um den Jüngeren zu retten, wurde am 13.März 1997 von der Gedenkstätte Vad Vaschem mit einer Zeremonie in Bordeaux als Gerechter unter den Völkern geehrt. Er starb 13 Jahre später.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4017850
https://yadvashem-france.org/justes/nom/tauzin-rene/
https://www.ajpn.org/juste-Rene-Tauzin-2618.html
https://www.illats.fr/Illadais-a-l-honneur.html
https://stevemorse.org/dachau/dachau.php?=&offset=116320
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