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Bildtexte: Heinrich und Marie List bei der Feldarbeit. Foto: https://www.yadvashem.org; Heinrich und Marie List mit ihren Kindern Margarethe und Jakob im Jahr 1935. Foto: https://www.yadvashem.org

Marie und Heinrich List- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 659 Deutsche und 115 Österreicher. Dies ist die Geschichte von Marie und Heinrich List.

„Das Mitleid hat mich gepackt“

Man hätte wohl nie von Marie und Heinrich List gehört, wenn sie Ferdinand Strauß nicht gekannt hätten. Das katholische Ehepaar bewirtschaftete mit seinen Kindern Margarethe und Jakob einen Bauernhof in dem kleinen Dorf Ernsbach im Odenwald, das heute zur Kreisstadt Erbach gehört. Marie stammte aus Ernsbach. Heinrich, 1882 im nahegelegenen Vielbrunn geboren, hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft. Im November 1941 nahmen die Lists den Frankfurter Ferdinand Strauß auf, der aus Michelstadt, ganz in der Nähe von Ernsbach, stammte und 1939 in die Stadt am Main gezogen war. Deportationen von Juden aus Deutschland hatten Mitte Oktober begonnen, und er fühlte sich in Gefahr. Heinrich List verband mit ihm seit seiner Jugend eine freundschaftliche Beziehung.

Ein alter Freund bittet um Hilfe

Strauß war der Sohn einer Textilhändlerfamilie aus Michelstadt, mit der List in guter Geschäftsbeziehung gestanden hatte. Außerdem war Lists Schwägerin Katharina Weyrauch Angestellte im Erbacher Geschäft der Eltern von Strauß gewesen. Der erschien plötzlich auf dem Bauernhof, als Heinrich List gerade bei der Feldarbeit war. Er bat Marie List, ihn zu verstecken, weil die Nationalsozialisten ihn wegen seines jüdischen Glaubens verfolgten. Als Heinrich List heimkam, erzählte Strauß, dass sein Onkel Adolf Strauss in Frankfurt gestorben sei und dass seine Tante sich mit Gift umgebracht habe. Dann erläuterte er dem Ehepaar seinen Fluchtplan und bat die beiden, ihn zu verstecken, bis er sie verwirklichen könne. Beide stimmten trotz des erheblichen Risikos für Leib und Leben zu und boten dem Verfolgten von da an dauerhaften Unterschlupf bis auf eine kurze Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr 1942.

 Vom Nachbarn verraten

Ein anderer Bauer aus dem 200-Einwohner-Dorf Ernsbach zeigte seine Nachbarn am 22. März 1942 beim Gendarmerieposten in Erbach an. Wie er berichtete, habe ein bei den Lists beschäftigter polnischer Zwangsarbeiter ihm verraten, dass die List einen Juden versteckten. Das Verhältnis zwischen dem Polen und Heinrich List wurde im Ort als gespannt beschrieben. Bei einer Hausschlachtung war es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen. Schon vorher hatte der Pole die Geschichte offenbar im Dorf verbreitet, aber niemand hatte ihm Glauben geschenkt, sondern sie als Racheakt gegen Heinrich List angesehen hatte. Heinrich und Marie List wurde am Tag nach der Anzeige vernommen, leugneten aber alles trotz detaillierter Angaben des Polen. Als er Marie List gegenüberstellt wurde, bestätigte sie unter dem Vernehmungsdruck aber die Angaben des Zwangsarbeiters. Ferdinand Strauß hatte sich nach dem Streit zwischen Heinrich List und dem Polen aus Angst vor Entdeckung abgesetzt und war in die Schweiz geflohen. Ob der Pole den anderen Bauern wie im Gendarmerieprotokoll festgehalten wirklich über den versteckten Juden informiert hatte oder ob es jemand anders aus dem kleinen Dorf war, ist bis heute nicht geklärt.

Keine Hilfe vom Bürgermeister

Am 23. März 1942 wurde der Ernsbacher NSDAP-Bürgermeister und Großbauer in Erbach vom Gendarmerie-Meister Schmidt vernommen. Auf die Frage, warum er den Aussagen des Polen Klack zunächst keine Achtung gab, erklärte er, dass Heinrich List ihm gegenüber stets als großer Judenfeind aufgetreten sei und er zunächst von einem Racheakt des Landarbeiters ausgehen musste. Lists Sohn Jakob war als Soldat im Einsatz an der Ostfront. Während eines Heimaturlaubs versuchte er, die Identität des ursprünglichen Verräters herauszubekommen, hatte aber keinen Erfolg. Am 17. April 1942 wurde List der Gestapo in Darmstadt überstellt. Auf die Frage, warum er Ferdinand Strauß versteckt habe, antwortete er im Verhör „Weil wir uns schon von Kindheit gut kennen und er jetzt allein steht … Nur weil wir uns sehr gut kannten und früher in guten Geschäftsverbindungen standen, packte mich das Mitleid und ich beherbergte ihn.“ Am 17. Juli 1942 wurde Heinrich List ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Obwohl der Ernsbacher Bürgermeister die Möglichkeit gehabt hätte, List durch Fürsprache vor dem KZ zu bewahren, tat er nach einem nach dem Krieg veröffentlichten Zeitungsbericht nichts und hielt später sogar ein von Marie List eingereichtes Gnadengesuch zurück.

Verschleppt ins KZ Dachau

In seinem ersten Brief aus dem Konzentrationslager schrieb List noch hoffnungsfroh: „„Liebe Frau, halte den Kopf hoch, auch dieses wird vergehen.“ Doch am 10. Oktober 1942 erhielt Marie List ein offizielles Schreiben des Lagerkommandanten aus Dachau, SS-Obersturmbannführer Martin Gottfried Weiß. Darin stand, ihr Ehemann sei am 5. Oktober 1942 im Lagerkrankenhaus an den Folgen einer eitrigen Entzündung im Unterschenkel verstorben und sein Leichnam verbrannt worden. „Normale“ Todesursachen wurde in Dachau Hinterbliebenen stets mitgeteilt, obwohl vor allem Misshandlungen während der Haft und die katastrophalen hygienischen und medizinischen Umstände im Lager als eigentliche Todesursache anzusehen sind. Im August 1942 wurde Jakob List in Russland als vermisst gemeldet. Obwohl der Ernsbacher Bürgermeister die Möglichkeit gehabt hätte, das gesamten Anwesen der Lists zu übernehmen, blieb er auch jetzt tatenlos und nutzte die Notlage der Witwe nicht aus.

Ehrungen nach dem Krieg

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erfuhr durch die Bemühungen von Schülern und Lehrern der Michelstädter Oberschule von der Geschichte des Bauernpaares. Bei einem Projekt zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit dokumentierten sie die Geschichte des Bauernpaares. Dabei erfuhr die Gruppe auch, dass Dr. Heinrich Rothmund, der Chef der Schweizer Fremdenpolizei während des Krieges eine immer schärfere Politik vertrat und es Überlegungen gab, Flüchtlinge wie Ferdinand Strauß wieder nach Deutschland zu schicken. Yad Vashem ehrte Marie und Heinrich List dann 1992 als Gerechte unter den Völkern. 1993 überreichte der israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor, in einer Feierstunde in der wieder aufgebauten Michelstädter Synagoge den Enkeln des Ehepaars Lists die Medaille und die Ernennungsurkunde. Die Stadt Erbach benannte 2002 den Heinrich-List-Weg nach ihm. Auch die Gedenkstätte „Stille Helden“ erinnert in Berlin in ihrer Ausstellung im Bendlerblock an den „Fall Heinrich List und Friedrich Strauß“ mit vielen Dokumenten und Fotos direkt neben den Erinnerungsstücken an Oskar Schindler. Während des Theatersommers 2020 stand im Schlosshof Erbach das Stück „Der Gerechte‘“ von Dirk Daniel Zucht auf dem Programm. Der Autor antwortete auf die Frage, warum er sich für dieses Thema entschieden habe: „Weil es nun endlich an der Zeit ist, den beiden Odenwäldern Marie und Heinrich List auch in Form eines Bühnenwerkes Anerkennung zu zollen.“ Ferdinand Strauß emigrierte nach dem Krieg in die USA und starb 1983 in New York. Marie List erhielt von der NS-Justiz eine „strenge Verwarnung“, blieb in Ernsbach und starb dort 1965, nachdem ihre langen Bemühungen um eine Entschädigung für das erlittene Unrecht schließlich zu einer kleinen Rente geführt hatten.

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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