

Bild: Bischof Gabriel Piguet. Foto: Unbekannt
Bischof Gabriel Emmanuel Joseph Piguet- Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4206 Franzosen. Einer von Ihnen ist Gabriel Emmanuel Joseph Piguet.
Der Weg zum Bischofsamt
Am 24. Februar 1887, einen Tag nach Aschermittwoch, erblickte er im ostfranzösischen Mâcon das Licht der Welt. Er studierte nach dem Schulbesuch Theologie und Philosophie und empfing am 2. Juli 1910 die Priesterweihe. Nach einem Doktoratsstudium in Rom wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. Sein erster Dienstort als Vikar war ebenfalls in Ostfrankreich die Kathedrale von Autun. Nach dem Kriegsausbruch 1914 wurde der 27jährige Piguet Sanitäter der französischen Truppen, an der Front südlich von Verdun schwer verwundet und 1917 mit militärischen Ehrungen ausgemustert. Gabriel Piguet nahm danach seinen Dienst an der Kathedrale von Autun wieder auf. Er engagierte sich für die Katholische Aktion und die Jugendbewegung. 1929 wurde er zum Generalvikar des Bistums Clermont [seit 2002 Erzbistum] berufen. Papst Pius XI. ernannte ihn schließlich 1933 zum Bischof von Clermont.
„Sanfter Widerstand“
Gabriel Piguet war Mitglied der Legion der alten Kämpfer des Ersten Weltkrieges um Marschall Philippe Pétain und nahm im Bischofsornat an den Gedenkfeiern der Organisation teil. Er war 1940 auch der erste Bischof, der Pétain als französischen Regierungschef empfing, nach dem der Marschall Chef der deutschfreundlichen Regierung des Vichy-Regimes wurde. Der ebenfalls später in Dachau inhaftierte Edmond Michelet, der nach dem Krieg Minister in französischen Regierungen war, erklärte das rückblickend so: „Er stellte sich solchen Zeremonien zur Verfügung, damit er im Geheimen seinen ,sanften Widerstand´ ausüben konnte. Der Klerus insgesamt sang nirgendwo ein Loblied auf die Kollaboration, die Zusammenarbeit mit den Deutschen. Man hätte Monsignore Piguet sehr in Erstaunen gesetzt, wenn man ihn als Widerstandskämpfer betrachtet hätte. Und doch war er es auf seine Weise“.
Verhaftung in der Kathedrale
Der Bischof sei ein Anhänger von Vichy gewesen, „aber Vichy durfte von ihm nichts Unmögliches verlangen, zum Beispiel, dass er seine Hilfe einem Juden verweigerte oder einem politisch Verfolgten, den die Polizei suchte, die Aufnahme“, so Michelet. Gabriel Piguet kritisierte den französischen Widerstand, weil der im Kampf gegen die Besatzer Gewalt anwendete. Aber er schützte Juden und Partisanen, die von der Gestapo verfolgt wurden, und ließ in seinem Sprengel zahlreiche jüdische Kinder in katholischen Einrichtungen verstecken. Am Pfingstsonntag, dem 28. Mai 1944, wurde der Bischof nach dem Gottesdienst noch in der Kathedrale von Hugo Geissler, dem Chef der Gestapo in Vichy, festgenommen. Nach einem Gefängnisaufenthalt kam er als Angehöriger der Résistance am 20. August in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass und wurde am am 6. September 1944 ohne Gerichtsverfahren ins KZ Dachau eingeliefert.
Im Konzentrationslager als Bischof nicht erkannt
Transporte in Konzentrationslager wie der, mit dem Gabriel Piguet kam, waren durchaus lebensgefährlich. Wenige Wochen zuvor waren von 2000 Gefangenen, die aus Compiegne nach Dachau geschickt wurden, bei der Ankunft 900 tot, erstickt mangels Sauerstoffs in den Güterwaggons oder umgekommen in drückender Sommerhitze. Die SS-Wachen behandelten Piguet als Priester mit „besonderer Aufmerksamkeit“. Es setzte Faustschläge und wiederholte Ohrfeigen. Auch Essen besonders schlechter Qualität wurde extra für ihn ausgesucht. Der Bischof sah im KZ auch einen seiner Vikare aus Clermont wieder, Abbé Clement Cotte, der schon seit Juli im Lager war. Cotte war mit falschen Papieren ausgestattet als Untergrundpriester freiwillig nach Deutschland gegangen, um junge Zwangsarbeiter dort nicht ohne geistlichen Beistand zu lassen. Die Gestapo hatte ihn erwischt. Als Bischof identifiziert wurde Gabriel Piguet in Dachau jedoch vorerst nicht. Das sollte sich für einen dort inhaftierten Diakon noch als wichtig erweisen. Piguet kam als „gewöhnlicher“ Priester nicht zu den „Prominenten“ Häftlingen, sondern zunächst in das Krankenrevier, da er bei seiner Ankunft nach einem Vierteljahr in Haft bereits sehr geschwächt war. Nach drei Wochen wurde er dem Block 28 zugeteilt, in dem die Geistlichen des Priesterblocks, die nicht aus Osteuropa stammten, untergebracht waren.
Priesterweihe im KZ
Piguet war der einzige französische Bischof, der von den Nationalsozialisten aus Frankreich deportiert wurde. Gleich nach seiner Ankunft dachte man an im Priesterblock an die Möglichkeit einer Priesterweihe für den schwerkranken Diakon Karl Leisner. Eine kleine Gruppe der Häftlinge suchte den Bischof auf. Der erklärte sich bereit, vorausgesetzt Leisners Heimatbischof von Galen aus Münster und der Münchener Kardinal Faulhaber seien einverstanden. Als deren Zustimmung eingeholt war, freute sich der belgische Jesuit Léon de Coninck: „Die Weihe eines Priesters in diesem Lager, das der Vernichtung von Priestern dient, wäre eine Vergeltung Gottes und ein Siegeszeichen des Priestertums über das Nazitum.“ Die Weihe wurde auf den dritten Adventssonntag Gaudete („Freuet euch“), den 17. Dezember, gelegt. Trotz des Verbots, die Krankenstation zu verlassen, war Karl Leisner zur verabredeten Zeit nach dem Morgenappell in der Kapelle des Blocks. An der Weihezeremonie nahmen gefangene Priester aus der Diözese Münster und alle inhaftierten Seminaristen teil. Auch zahlreiche Priester als Vertreter der Gruppen verschiedener Nationen und ein evangelischer Pfarrer, der die Zeremonie sehen wollte, waren zugegen. Kein noch so geringer vorgesehener Ritus wurde ausgelassen. Die Andacht, die Inbrunst und die Ergriffenheit waren bei allen auf ihrem Höhepunkt.
Einzigartig in der Geschichte
Dem Bischof erschien es, „als wäre ich in meiner Kathedrale oder in der Kapelle meines Priesterseminars. Nichts, absolut nichts an religiöser Größe fehlte dieser Priesterweihe, die wahrscheinlich einzigartig in den Annalen der Geschichte ist“. Gabriel Piguet erinnerte sich später an den Moment nach der heiligen Handlung: „Nach dieser großartigen Feier musste ich mich einige Augenblicke entspannen, ich war am Ende meiner Kräfte. Im Block der Priester erreichten die Freude und die Dankbarkeit zu Gott ihren Höhepunkt im höchsten Grade. Genau dort, wo das Priestertum gedemütigt worden war und wo es ausgelöscht werden sollte, war die göttliche Vergeltung deutlich sichtbar geworden. Ein Priester mehr war zum Priesterstand Christi geboren worden. War dies nicht das Vorzeichen eines Zusammenbruchs, den wir nahe vermuteten und erwarteten? Schien die Anwesenheit eines Bischofs, die für die gefangenen Priester so tröstlich war, dort nicht wie eine göttliche Bestätigung ihres Wertes und ihrer Zweckmäßigkeit inmitten so vieler Prüfungen?“
„Als „Sonderhäftling“ befreit
Am 22. Januar 1945 wurde Gabriel Piguet als „Sonderhäftling“ in den sogenannten Bunker des Konzentrationslagers verlegt. Mit anderen „Prominenten“ wie Martin Niemöller, Franz Xaver von Bourbon-Parma und Peter Churchill wurde der Bischof dann als Geisel der SS für mögliche Verhandlungen mit den Alliierten genommen und am 24. April 1945 unter abenteuerlichen Umständen mit 136 Mithäftlingen nach Südtirol verschleppt.In einem verlassenen Hotel am Pragser Wildsee im Pragser Tal waren sie zwar noch nicht befreit, aber außer direkter Gefahr. Am 4. Mai 1945 wurden alle durch amerikanische Truppen endgültig gerettet, nachdem die deutschen Bewacher, SS und Wehrmacht, ohne jegliches Blutvergießen entwaffnet worden waren. Erst sechs Jahre später kam eine von Gabriels Rettungsaktionen während des Krieges ans Licht der Öffentlichkeit: Er hatte für zahlreiche jüdische Familien gefälschte rückdatierte Taufbescheinigungen ausgestellt.
Als Bischof bestätigt
Am 14. Mai 1945 kehrte Gabriel Piguet nach Clermont-Ferrand zurück, wo er von der Bevölkerung triumphierend begrüßt wurde. Er war durch die Haftbedingungen in zwei Konzentrationslagern gesundheitlich schwer angeschlagen und hatte 35 Kilogramm abgenommen. Noch im Oktober unternahm er trotzdem eine Reise nach Rom, um Papst Pius XII. zu treffen, wohl weil er hoffte, zum Kardinal erhoben zu werden. Doch das Innenministerium in Paris hatte ihn auf die Liste der Bischöfe gesetzt, die Vichy unterstützt hatten. Der apostolische Nuntius, Angelo Roncalli (der spätere Papst Johannes der XXIII.) bestätigte Piguet trotzdem als Bischof von Clermont. Über seine Zeit in den Lagern schrieb Piguet später das Buch „Gefängnis und Deportation“, für das er 1949 den Louis-Paul-Miller-Preis der Académie Française erhielt. Der Kanoniker und Kanzler des Bistums Henri Jausions wies damals darauf hin, dass Gabriel Piguet schon 1940 die Oberen aller Ordenskongregationen der Diözese, die Schulen unterhielten, aufgefordert hatte, jüdische Kinder zu verstecken. Durch sein Eingreifen seien außerdem drei jüdische Familien, Mina und Henri Berkowitz, Léon Riveline und seine Frau Esther Pertchuck sowie die Brüder Joseph und Maurice X in religiösen Einrichtungen der Diözese versteckt worden.
„Er entschied sich für das Gute“
Eine Zeitzeugin berichtete außerdem: „Ich werde mich immer an das erinnern, was der Bischof den Schwestern des Pensionats Sainte Marguérite der Kongregation der Schwestern Saint-Joseph in Clermont-Ferrand gesagt hat: ,Sie können diese Kinder nicht nur verstecken, sondern Sie müssen es´. Die jüdische Gemeinde in Clermont-Ferrand unterstützte Bischof Gabriel Piguet ebenfalls aktiv. Im September 1951 erstellte man im Bischofshaus eine Liste der geretteten Kinder, die sich heute im Diözesanarchiv des Bistums befindet. Gabriel Piguet blieb bis zu seinem Tod am 3. Juli 1952 Bischof von Clermont. Am 22. Juni 2001 verlieh das Yad Vashem-Komitee ihm gemeinsam mit Schwester Angélique Murat, Mutter Oberin der Kongregation der Schwestern Saint-Joseph posthum für die Rettung zahlreicher Juden den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“. Der israelische Botschafter in Frankreich, Elie Barnavi, sagte bei dieser Gelegenheit: zum Vorwurf, der Bischof sei ein Anhänger Pétains gewesen: „Na und? Niemand kann mich der Sympathie für den Pétainismus verdächtigen, aber ich würde heute sagen, dass es gerade sein Pétainismus ist, der die Taten von Monsignore Piguet noch bemerkenswerter macht. Angesichts des Bösen entschied er sich für das Gute.“ Richard Prasquier, der spätere Präsident des Zentralrates der Jüdischen Institutionen in Frankreich, hob hervor: „Er verweigerte Cäsar den Gehorsam, als er verstand, dass der Gehorsam gegenüber Cäsar ihn daran hinderte, Gott zu gehorchen“.
Marschall Philippe Pétain wurde nach dem Krieg wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, wegen seiner Rettung der Stadt Verdun im Ersten Weltkrieg vor der Eroberung durch die Deutschen aber zu lebenslanger Haft begnadigt und starb 1951.
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